Typisch Kap Verde und doch ganz anders: Mindelo

Nach den ersten eindrucksvollen Tagen auf Santiago führte uns die Reise schließlich weiter nach São Vicente. In der Hafenstadt Mindelo schlugen wir unser Lager auf und erkundeten von dort aus die Insel. Hier war zu unserem Erstaunen wieder alles ganz anders, als wir es nach Santiago erwartet hatten.Ein einstündiger Flug kann auf den Inseln eine ganze Welt ausmachen. Wird man auf  Santiago und in Praia, Kap Verdes Hauptstadt, bei jedem Schritt durch die heruntergekommenen Straßen und vorbei an den baufälligen Häusern an die vorherrschende Armut und Wasserknappheit erinnert, kann man sich in Mindelo auf Grund der hübsch renovierten Häuser leicht in die portugiesische Kolonialzeit einfühlen, auch wenn natürlich auch hier ein bisschen gepflegter Schmuddel zu finden ist. Natürlich herrscht auch auf São Vicente Trinkwassermangel, aber die Tatsache, dass viele Kreuzfahrtschiffe in Mindelo anlegen beschert der Insel eine um einiges besser ausgebaute (touristische) Infrastruktur – was trotzdem nicht bedeutet, dass es auf São Vicente extrem touristisch ist. Die meisten Besucher nutzen die Insel nur als Zwischenstop auf dem Weg nach Sal, Santo Antão oder Boa Vista und offensichtlich herrscht die Meinung vor, dass es auf São Vicente, die zu den kleineren der Inseln gehört, nicht viel zu sehen gibt – ja sogar das Wort „langweilig“ ist gefallen. Wie üblich ließen wir uns aber nicht davon abhalten, uns ein eigenes Bild zu machen und ich verrate schon mal so viel: Wir können diese Meinung absolut nicht teilen!

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Fühlt man sich bei diesem Anblick nicht ein bisschen in frühere Zeiten versetzt?

Wenn man das Pech hat, seinen sowieso kurzen Aufenthalt auf einen Sonntag zu legen, kann ich allerdings verstehen, wie solche Meinungen zustande kommen. Das Erbe der Portugiesen besteht nämlich nicht nur aus bunten hübschen Häusern, sondern auch der Katholizismus überdauerte die Kolonialherrschaft und so ist der Sonntag auch hier ein Ruhetag. Doch anstatt sich darüber zu beklagen, dass nichts los war – was tagsüber wegen der großen Hitze sowieso meist der Fall ist – erkundeten wir lieber zu Fuß Mindelo. Die sogenannte kulturelle Hauptstadt von Kap Verde hat nämlich einiges zu bieten. Neben unzähligen Cafés, Bars und Restaurants gibt es neben den in Kap Verde allgegenwärtigen Ständen am Straßenrand natürlich auch einen großen Markt auf dem  Souvenirs, Kleidung und allerhand Schnick-Schnack zu bekommen sind. Durch die bunten Hütten zu schlendern und dem regen Treiben zuzusehen ist alles andere als langweilig. Auf unserem Streifzug durch die Gassen rund um den Markt herum hörten wir einmal plötzlich laute, rhythmische Trommeln, konnten aber zunächst nicht ausmachen, aus welcher Richtung die Musik kam. Wir gingen also an der Mauer gegenüber des Markts entlang und hatten den Eindruck, das Trommeln käme von der anderen Seite. Doch als wir ums Eck bogen konnten wir immer noch nichts entdecken und so schlenderten wir am Fischmarkt entlang weiter, bis die Musik schließlich immer lauter wurde. Da endlich entdeckten wir ein blaues unscheinbares Tor, das den Eingang zu einem Innenhof markierte. Wir wagten einen Blick hinein und hatten die Quelle der Musik gefunden. Bei dem Hof handelt es sich um den „Quintal das Artes“ (Garten/Hof der Künste). Eine Sambaschule probte hier ihre Stücke und zog einige wenige Zuschauer an – Einheimische wie Touristen. Die Akustik war durch die Mauern ringsherum phänomenal und die Freude der Trommler ziemlich ansteckend. Dass wir dieses Spektakel nur durch Zufall entdeckt hatten machte es noch unvergesslicher als es sowieso schon war und wir standen breit grinsend eine ganze Weile da und ließen die Lebensfreude, die diese bunte Truppe verströmte, auf uns wirken. Alleine dafür hat sich der Besuch Mindelos schon gelohnt. Mehr zum „Quintal das Artes“ gibt es übrigens im nächsten Artikel – das ist eine eigene Geschichte.

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Hier und da gibt es sicher noch Renovierungsbedarf, aber eigentlich gefällt mir so ein Stadtbild ganz gut
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Hinter diesem blauen Tor verbirgt sich der „Garten der Künste“…
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…wo man unter anderem dieser Sambaschule bei ihren Proben lauschen kann

Nach dieser unerwarteten Entdeckung war unsere Laune so gut, dass wir uns auf den Weg zu dem hübschen Platz vor unserem Hotel machten, wo mittlerweile, da es langam dunkel und somit kühler wurde, reges Treiben herrschte und sogar der kleine Kiosk, der tagsüber geschlossen war, nun öffnete. Wir machten es uns mit einem  Strela, dem hiesigen Bier, auf den allgegenwärtigen Plastikstühlen des Kiosks bequem und beobachteten die Menschen. Wie schon in Praia war auch hier alles weihnachtlich geschmückt und die Leute waren in fröhlicher Stimmung. Aus Lautsprechern rund um den Platz ertönte Bing Crosbys „White Christmas“ – ja, zugegeben, das war bei den Temperaturen und angesichts der Tatsache, dass es niemals schneien wird in Kap Verde, schon etwas skurril – und rund um den Platz öffneten kleine Stände die Hot Dogs, Zuckerwatte oder Eis verkauften. Getoppt wurde das Ganze später nur durch eine Blaskapelle, die in dem weihnachtlich beleuchteten kleinen Pavillon auftrat. Ehrlicherweise spielte die Band ein wenig schief, das tat der Begeisterung der Leute allerdings keinen Abbruch und es wurde sogar getanzt.

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Tagsüber geschlossen, aber am Abend kann man hier ein kühles Bier genießen und das rege Treiben beobachten

Und jetzt soll mir bitte nochmal jemand sagen, Mindelo sei langweilig 😉 Wie sollte das überhaupt möglich sein, wo doch die Stadt für ihre Liebe zur Musik bekannt ist? Immerhin brachte Mindelo so einige weltbekannte Musiker hervor, unter anderem die berühmte Morna-Sängerin Cesária Évora.

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Die berühmte Cesária Évora, der international bekannte Stolz Kap Verdes

Abgesehen von den Streifzügen durch die Stadt, die wahrlich einen Augenschmaus bieten und dazu wunderbare Fotomotive, gibt es in Mindelo auch die ein oder andere Sehenswürdigkeit. Dazu gehört der bereits erwähnte „Quintal das Artes“, aber auch der rosafarbene Gouverneurspalast, die städtische Markthalle und der Torre de Belem. Ja, richtig gelesen. Es gibt in Mindelo eine kleine Nachbildung des Torre de Belem der in Lissabon steht. Er beherbergt ein kleines maritimes Museum. Mit klein meine ich wirklich klein, im Sinne von überschaubar, doch das eigentliche Highlight an diesem kleinen Türmchen stellt die Aussicht dar, die man von ganz oben auf die Stadt und über den Hafen bis zur Nachbarinsel  Santo Antão  hat – so als kleiner Tip am Rande.

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Der Torre de Belem ist wirklich eine exakte Nachbildung des Originals aus Lissabon
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Auf der einen Seite hat man einen grandiosen Blick über den Hafen bis zur Nachbarinsel Santo Antão…
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…und weit über Mindelo bis zu den Bergen auf der anderen

Wir hatten eigentlich vor, mit der Fähre auf besagte Nachbarinsel zu fahren und diese einen Tag lang zu erkunden – vor allem, da uns von so vielen Seiten eingeredet wurde, wie langweilig São Vicente doch sei. Da, wie Du nun vielleicht schon erahnen kannst, dem nicht so war, kamen wir dazu gar nicht. Stattdessen mieteten wir uns wie üblich ein Auto und erkundeten die Insel. Doch bevor wir unseren Mini-Roadtrip starteten, machten wir uns zuerst zu Fuß auf über die Insel und erlebten dabei allerhand fabelhafter Dinge. Doch dies ist eine andere Geschichte und sie soll ein andermal erzählt werden 😉

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Am Abend zaubert das Licht eine wundervolle Atmosphäre am Hafen
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Der Gouverneurspalast leuchtet in rosa
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Die Mischung macht’s: Auf der einen Seite gepflegte Kolonialbauten, auf der anderen nostalgisches Flair

 

 


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