Praias vergangener Glanz

Praia ist die Hauptstadt der kapverdischen Inseln und liegt auf Santiago. Wir begannen unserer Erkundung der Inselrepublik dort. Das Adjektiv „schön“ fällt mir zu dieser Stadt nicht gerade zuerst ein, doch rückblickend war es genau das Richtige, um uns auf Kap Verde einzustimmen.Denn diese Stadt, deren Name übersetzt „Strand“ bedeutet, zeigt dem Neuling sofort auf, dass die kapverdischen Inseln nicht das typische Urlaubsziel sind, für das ich sie anfangs gehalten habe. Es gibt keine Prachtstraßen wie die Champs Elysées, kein historisches Forum Romanum und trotz des Namens auch keinen weißen Badestrand mit karibik-türkisfarbenem Wasser. Hier wie andernorts auf den Inseln ist die touristische Infrastruktur quasi nicht existent. Lediglich auf dem „Plateau“, dem hoch gelegenen Stadtkern Praias, findet man Bars, Restaurant und Cafés und auch die ein oder andere Sehenswürdigkeit – und sofern man verblasste, renovierungsbedürftige Kolonialbauten letzterer Kategorie zuordnet, kommt man voll auf seine Kosten. Besonders rund um den Hauptplatz mit dem Namen „Praça Alexandre de Albuquerque“ befinden sich hübsch hergerichtete Häuser, zumeist Botschaften, Banken oder das Rathaus, die ebenfalls im portugiesischen Kolonialstil an Kap Verdes Vergangenheit erinnern. Je weiter man sich allerdings von diesem beliebten Treffpunkt entfernt, umso verfallener sind die Häuser. Ich liebe ja ein bisschen – ohne es abwertend zu meinen – gepflegten Schmuddel. Ein Stadtbild, das nur aus neumodischen, hochmodernen Glasbunkern besteht finde ich wenig ansprechend – und Bauten dieser Art findet man in Praia überhaupt nicht. An jeder Ecke ist alles authentisch und kapverdisch und bietet somit einen optimalen ersten Eindruck davon, was einen auf den Inseln erwartet.

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Tagsüber ist der Praça Alexandre de Albuquerque´beinahe menschenleer
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Besonders in den Kirchen spiegelt sich der Kolonialstil wider
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Die vielen verlassenen Gebäude zeugen von der Armut, die vielerorts herrscht

Auf einem unserer ersten Rundgänge entdeckten wir dann auch den „Strand“, von dem die Hauptstadt ihren Namen hat. Wirklich einladen ist er aber nicht. Von den vor Anker liegenden riesigen Fracht – und Containerschiffen weht der Dieselgeruch herüber und vermischt sich mit dem Gestank von Hundekot. Der Blick auf das Meer ist natürlich sehr schön, man kann ihn aber besser vom Plateau aus genießen. Dort, in der Nähe eines der ältesten Gebäude Kap Verdes, der Kaserne „Quartel Jaime Mota“, sind auch noch einige alte Kanonen zu sehen. Der in der Nähe liegende Präsidentenpalast lockt mit seinem schönen und vor allem grünen Garten – aufgrund der Wasserknappheit gibt es wenig grünes zu sehen. Nicht einmal der große Brunnen auf dem Hauptplatz ist gefüllt, da hinterlässt ein stetig bewässerter Garten bei mir schon einen leicht bitteren Nachgeschmack.

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Von der alten Verteidigungsanlage Praias aus hat man einen schönen Blick auf die Bucht
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Hinter einem kleinen Mäuerchen liegt der üppig begrünte Garten des Präsidentenpalasts

Trotz fehlender Bewässerung gilt oben genannter Brunnen als beliebter Treffpunkt. Zwar ist es tagsüber leer und still dort, denn es ist einfach zu heiß um sich lange dort aufzuhalten, aber abends, sobald es etwas kühler wird, bevölkern dann die Einheimischen den Brunnen und die Bänke rund um den Platz. Ältere Menschen beobachten die spielenden Kinder, junge Leute unterhalten sich und es wird allgemein viel gelacht. Da es auf Weihnachten zu ging, leuchtete und blinkte es überall – um jede Palme war eine Lichterkette geschlungen, an jedem Busch hing ein Leuchtschlauch und alles flimmerte in grün, blau und weiß. Wegen der wirklich angenehmen, friedvollen Atmosphäre kamen wir während unseres fünftägigen Aufenthalts auf Santiago eigentlich jeden Abend hier her um das Treiben zu beobachten. Auch tagsüber machte es Spaß, bei einem frisch gepressten Fruchtsaft im Schatten zu sitzen und das einheimische Leben vor der äußerst pittoresken Kulisse zu beobachten. Wenn man sich also ein bisschen darauf einlässt, dass in Praia (und auf den Inseln generell) eben nicht alles so wie in Europa ist, kann man auch das Andersartige richtig genießen.

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Noch ist die Straße menschenleer – das ändert sich gegen 21 Uhr
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Überall herrscht festliche Dekoration

Für den Hunger zwischendurch suchten wir entweder einen der vielen Straßenstände auf oder machten einen Abstecher zur städtischen Markthalle, wo es hauptsächlich regionales Obst, Gemüse und auch Fisch, Fleisch und Gewürze gibt. Auf der Suche nach Sonnencreme führte uns Google Maps zu einem besonderen „Einkaufszentrum“ unterhalb des Plateaus – ein Wirrwarr aus wild zusammengepuzzelten Wellblechhütten in denen alles von Kosmetika über Kleidung bis hin zu Elektronik verkauft wird – teilweise wird in den Hütten auch gewohnt. Mit westlichen Shopping Malls absolut nicht zu vergleichen. Es ist durchaus üblich zu handeln, als im Vergleich wohlhabender Europäer sollte man es aber nicht übertreiben. Was machen uns schon ein oder zwei Euro mehr aus? Bei manchen Artikeln kann man das Handeln allerdings gleich bleiben lassen – unsere endlich gefundene Sonnencreme war ziemlich teuer. Da aber solche Dinge für die Menschen dort Luxusgüter sind die sie selbst nicht verwenden und noch dazu teuer importieren müssen, muss man sich eben mit dem Preis abfinden.

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Die städische Markthalle wirkt nicht unbedingt einladend…
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…bietet aber alles, was man braucht

Durch die Stadt zieht sich ein ausgetrocknetes Flussbett, das, da es seine ehemalige Funktion aufgrund des Regen – und damit Wassermangels nicht mehr wahrnehmen kann, nun umfunktioniert wurde: Kühe rupfen die wenigen Büschel Gras aus und Kinder spielen dort Fußball. Apropos Fußball, wie uns von einem Taxifahrer, über den ich in einem anderen Artikel noch etwas erzählen werde, berichtet wurde, gibt es auch hier durchaus einige Fußballvereine und das Estádio da Várzea , das kapverdische Nationalstadion mitsamt seinem Kunstrasen, befindet sich natürlich in der Hauptstadt.

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Nicht unbedingt die Allianz-Arena, dennoch der ganze Stolz kapverdischer Fußballfans

Praia ist nicht riesig und auch nicht vollgestopft mit touristischen Attraktionen. Neben dem oben genannten gibt es noch das ein oder andere Museum, aber bei 33° verzupften wir uns lieber mit Hilfe unseres Mietwagens in Santiagos Bergwelt oder an den ein oder anderen versteckten Badestrand – doch dazu mehr im nächsten Artikel. Wer also zu hohe Erwartungen an Praia hat und das Ambiente einer europäischen Großstadt erwartet, der wird wohl leider enttäuscht werden. Es ist eben genau Praias vergangener Glanz, der es so interessant macht. Wenn man sich auf das „Anders-Sein“ dieser Stadt einlässt und nicht ständig auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten einfach nur durch die Stadt hetzt um möglichst schnell alles gesehen zu haben, was von irgendwem als sehenswert deklariert wurde – ja dann, dann lernt man die Stadt richtig kennen und auch zu schätzen. Und darum geht es mir eben beim Reisen.

 

 


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