Zwischenmenschliches in Paris

Die Nachrichten und Geschehnisse auf der Welt beunruhigen mich. Geht es Dir nicht auch bisweilen so, dass Du denkst, unsere Welt müsse gefährlich sein und der Mensch an sich schlecht? Diese Gedanken habe ich in letzter Zeit häufiger und sie bringen meinen Entschluss, die Welt in Zukunft auch alleine zu bereisen, ab und an in´s Wanken. Aber dann fallen mir wieder die guten zwischenmenschlichen Erlebnisse ein, die ich auf Reisen schon hatte, wie zum Beispiel meine Erfahrung mit dem Pariser Taxifahrer oder dem Fremden auf Madeira.
Und da ich heute mit einer Dame aus Paris in Kontakt gekommen bin, sind mir einige kleine und große Glücksmomente, die ich in meiner Lieblingsstadt erleben durfte und die ich beinahe schon vergessen hatte, wieder eingefallen. Ich hatte Dich gewarnt, dass Du über Paris noch so einiges von mir zu lesen bekommen wirst 😉 20140611_223004.jpgUnd gerade weil sich das Gerücht, Franzosen im allgemeinen und Pariser im speziellen seien arrogante Zeitgenossen, die nichts erbärmlicher fänden als Nicht-Franzosen, extrem hartnäckig hält, möchte ich Dich hier und heute dazu bringen, diese Ansicht nochmal zu überdenken.

Ich war mit einer Freundin in Paris. Wir gingen in ein kleines Restaurant im Viertel Marais, um zu abend zu essen. Ich bestellte eine Flasche Wasser, zwar auf französisch aber natürlich mit hörbarem Akzent. Als der Kellner diese brachte, sprach ihn die Dame am Nebentisch an und meinte, er solle doch nicht die Touristen über´s Ohr hauen, ich hätte ein Glas Wasser bestellt und das solle er mir auch bringen. Der Kellner sah mich verwirrt an und ich erklärte der Dame, dass das sehr nett von ihr sei, ich aber tatsächlich eine ganze Flasche bestellt hatte. Wir lachten alle und die Frau entschuldigte sich bei dem armen Ober. Und ich muss sagen, ich war ziemlich gerührt von dem Engagement der mir völlig unbekannten Französin.

Eine andere, sehr inspirierende Begegnung hatte ich, als ich im Rahmen eines Schüleraustauschs zum ersten Mal in dieser grandiosen Stadt war, unweit des Centre Pompidou. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, aber ein Freund von einem der Karikaturisten dort verwickelte mich in ein Gespräch, in dessen Verlauf er mir folgendes erzählte: Er ist geboren in Paris, fand aber dort keine Arbeit und war auch, wie er ehrlicherweise zugab, nicht der Typ für einen Bürojob oder generell für das von der Gesellschaft als „normal“ ernannte Leben. Er bereiste daher stattdessen Europa. Wenn er Geld brauchte, arbeitete er auf Baustellen, als Kellner oder was sich sonst so ergab und finanzierte damit seine Zugtickets zum nächsten Ziel. Er sprach neben dem allgegenwärtigen Englisch auch ein bisschen Deutsch, Italienisch und Spanisch. Hin und wieder verschlägt es ihn zurück in seine Heimatstadt um Verwandte und Bekannte zu besuchen. Und ich muss sagen, die damals 16-jährige Kathi war tief beeindruckt und ich dachte schon damals: Das will ich auch. Et voilà, nun bin ich soweit diesen Wunsch endlich zu verwirklichen.

Während eines anderen Aufenthaltes stand ich auf einer Brücke, von der aus man das Pariser Rathaus gut bewundern kann. Um mich herum knipsten unzählige Touristen Bilder. Ich hingegen betrachtete das Hôtel de Ville nicht durch den Sucher einer Kamera und ganz ohne den Druck, ein noch besseres Foto als alle anderen zu schießen. P1060481.JPGDa sprach mich eine alte Dame auf französisch an und fragte mich, was denn die anderen da alle täten. Ich sagte es ihr und dann brachte sie mich zum schmunzeln – indem sie zu lachen anfing. Sie sagte sinngemäß, dass es sie immer wieder amüsiere, wie „die Fremden“ ihre Stadt wahrnehmen. Für sie sei Paris einfach nur Paris, ihre Heimatstadt, und ob es mir in der Bretagne, wo ich ja offensichtlich auf Grund meines Akzentes herkomme, nicht genauso ginge. Als ich ihr sagte, ich sei aus Deutschland, fing sie an zu schwärmen von ihren Aufenthalten dort. Sie sei auch in München gewesen und das wäre eine ganz zauberhafte Stadt, ob ich das nicht auch fände? Nunja, was soll ich sagen? Bis zu diesem Tag habe ich dort einfach nur gewohnt, doch seitdem betrachte ich München aus einem anderen Blickwinkel, nämlich dem der alten Dame. Denn sie hat recht, wir schätzen oft unsere Heimat nicht genug und ich habe mir angewöhnt, auch die Schätze zu Hause zu erkunden.CIMG3110.JPG

Eines abends lachten wir uns mit dem Kellner und dem Koch eines Restaurants im Viertel Blanche (in dem es mal den allerbesten Schokoladen-Laden gab, in dem ich jemals war – leider gibt es ihn nicht mehr) halb tot. Ersterer sprach ein wenig deutsch und nach ein paar Gläsern vin rouge fragte ich ihn, ob dem Schinken-Käse-Toast mit Spiegelei, also einem Croque Madame, der Artikel „la“ oder „le“ voran stehe (der kurz gesagt „normale Schinken-Käse-Toast“ ist „le croque monsieur“ und ich wollte wissen, ob sich der Artikel auf den Toast oder auf das „monsieur“ bezieht 😉 ). Er wusste es nicht und fragte deshalb den Koch. Dieser lachte ihn aus und fragte ihn, was er denn für ein Franzose sei, sowas gebe es überhaupt nicht. Woraufhin wir den Koch auslachten und fragten, was er denn für ein französischer Koch sei, wenn er den Croque Madame nicht kenne. Wir amüsierten uns köstlich und dieser Abend ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben – soviel zu den arroganten Kellnern in Paris.

Als ich, ICH!!!, einmal von einer Pariserin (!) nach dem Weg zur nächsten Metrostation gefragt wurde und ihn ihr auch noch erklären konnte, machte mein Herz vor Freude ein paar Saltos. Denn durch die oben geschilderten Begegnungen und viele andere kleine Begebenheiten in Verbindung mit meiner Liebe zu dieser fabelhaften Stadt finde ich es überhaupt nicht schlimm, für eine Einheimische gehalten zu werden!

Wenn Du also bisher, wie einige meiner Bekannten und Freunde, auf Grund des schlechten Rufs, den die Franzosen vielerorts haben, bisher eine Reise nach Frankreich vermieden hast, kannst Du Dich vielleicht mit diesem Artikel doch noch dazu durchringen, Paris und den Franzosen eine Chance zu geben 😉


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